Restaurant Alte Metzgerei in Essen Rüttenscheid: moderne und klassische Wirtshaus-Küche der Spitzenklasse  

Was die gelegentlichen Presse-Menüs angeht, an denen ich gerne teilnehme, sofern es meine Zeit erlaubt und das Restaurant mich anspricht, so haben sich mittlerweile gewisse Muster entwickelt, die sich immer wiederholen.

Die Emmastraße 25: ein Ort mit ruhmreicher gastronomischer Geschichte

Aufmerksamen Lesern dürfte nämlich nicht entgangen sein, dass mein verdienter Geistesbruder Peter Krauskopf, etablierter Food- und Gastro-Blogger, absoluter Kenner der Ruhrgebiets-Gastronomie und langjähriger Autor verschiedener Magazine wie „Essen geht aus“ meist von der Partie ist.

Wir sprechen gemeinsam mit den Gastronomen, machen uns Notizen, tauschen uns aus und ich fahre immer mit dem Gefühl nach Hause, doch eine ganze Menge an guten Informationen erhalten zu haben und fühle mit gut gewappnet für einen detailreichen Bericht, auch was die persönlichen Hintergründe und die Historie des Restaurants und seiner Location angeht.

Und dann schreibt Peter seinen Bericht, den ich natürlich sofort verschlinge und mich regelmäßig resigniert zurücklässt, denn es eröffnen sich in dieser Hinsicht immer neue spannende Dimensionen, die mir überhaupt nicht bewusst waren und mich immer fragend zurücklassen, was ich denn für das einleitende Portrait des Lokals überhaupt noch schreiben soll.

So auch in diesem Fall, wo er an das gastronomische Geschehen hier in den Räumen der ehemaligen „Schote“ – Nelson Müller übernahm das Lokal 2009 und führte es unter diesem Namen fort – Mitte der 90er Jahre erinnerte, als es seinerzeit noch sehr erfolgreich von Heinz und Monika Klapdor betrieben wurde.

Zu dieser Zeit machte ich gerade erst mein Abitur und hielt eine Tranche Lachs mit batziger grüner Pfeffersauce mit Blattspinat und Gratin am Sonntagmittag beim bodenständigen Familienitaliener annähernd für Sterneküche, unglaublich welch interessante Erinnerungen er immer aus seinem unerschöpflichen Erfahrungs-Hut zaubert.

Nelson Müller residierte hier auf der Emmastraße 25 etwa zehn Jahre, bekam einen Stern und wurde zum Fernseh-Star, bis er 2019 die Schote in seinen Betrieb „Müllers auf der RÜ“ auf der Rüttenscheider Straße integrierte und die bisherigen Räume im beschaulichen Wohnquartier somit leer standen.

Das wiederum erweckte die Aufmerksamkeit des Gastronomen-Paares Frank Schikfelder und Alicia Wolbeck, die sich in Rüttenscheid schon mit dem Restaurant Me[a]ts einen Namen gemacht hatten.

Schikfelder kennt man zudem in Essen auch seit vielen Jahren als passionierten Weinhändler, „Weinpalette“ nennt sich sein Geschäft im traditionsreichen Girardet Haus.

Im Hier und Jetzt

Sie entschieden noch im gleichen Jahr 2019 der ehemaligen „Schote“ neues Leben einzuhauchen und die gastronomische Geschichte an diesem Ort fortzuschreiben, unter neuem Namen natürlich: die „Alte Metzgerei“ wurde geboren, denn hier gab es in grauer Vorzeit tatsächlich mal eine solche, was die Rüttenscheider natürlich noch wissen.

In Sachen Timing mit Blick auf die nahenden Corona Lockdowns damit einer der Fälle, die mir damals besonders leid taten: Neueröffnungen voller Tatendrang, in die viel Herzblut und Geld flossen und von heute auf morgen eines Großteils ihrer Geschäftsgrundlage beraubt wurden.

Aber man machte das Beste aus der Situation und dem verwirrenden, sich ständig ändernden Vorschriften-Dschungel, bot einen Abhol-Service und verkaufte Currywurst vor der Haustüre, man überlebte dieses traurige Kapitel, startete wieder durch, präsentierte sich auf den örtlich relevanten Gourmet-Meilen und mittlerweile hat man sich als gute Adresse im Viertel etabliert und kann sich über eine Vielzahl zufriedener Stammgäste freuen.

Das liegt sicher auch daran, dass man nicht nach den Sternen greift sondern eine vielfältige, durchaus eher Fleisch-affine (Vegetarier werden aber natürlich auch nicht vergessen), zugängliche, gutbürgerlich- klassische aber auch weltoffene Küche auf einem in jeder Hinsicht ansprechenden Niveau bieten möchte, in die wir an einem sonnigen Sonntagnachmittag einen ausgiebigen Einblick erhielten.

Die aktuelle Karte findet man übrigens unter:

https://www.alte-metzgerei-essen.de/menü

Mir gefällt das ruhige Rüttenscheider Wohnquartier, in dem sich das Restaurant befindet sehr, ich fand vis-a-vis einen schattigen Parkplatz unter altem Baumbestand, ein Viertel mit Geschichte wie es scheint schaut man sich manchen schmucken Altbau an.

Der Restaurant-Fotograf und umtriebige Gastro-Netzwerker Michael Alisch, der den Nachmittag organisiert hatte und Frank Schikfelder erwarten mich bereits bei meiner Ankunft, der Hausherr entpuppte sich umgehend als zugänglicher, freundlicher Zeitgenosse mit einem guten Sinn für Humor.

Seine Partnerin und Service-Leiterin Alicia Wolbeck trat erst später in Aktion und blieb mir als äußerst charmante Visitenkarte des Hauses in Erinnerung, die das Wesen gehobener Gastronomie in dieser Ausrichtung aufs Angenehmste verkörperte ohne dabei in professionelle seelenlose Plastikfreundlichkeit zu verfallen, oft ein schmaler Grat.

Die Räume wurden in 2019 komplett renoviert und erstrahlen in neuem Glanz, das Auge fängt beim Eintreten ein imposanter Vorhang aus Swarovski Perlen, einem Erbe von Nelson Müller.

Witzig dabei: eigentlich wollte man diesen auch ersetzen, fand aber in alten Unterlagen der Schote die astronomische fünfstellige Rechnung für den Glitzer-Luxus und entschied spontan, dass ein Verbleib des Eye-Catcher vielleicht doch keine so furchtbar schlechte Idee sei.

Als Tom Thelen vom Überblick Verlag und Peter Krauskopf kurz darauf ebenfalls eintrafen, nahm das fulminante Festmahl seinen Lauf und sollte in seinem Ausmaß beinahe Dimensionen einer spätrömischen Orgie annehmen, die mich als Wein-Nase schwer bedauern ließ, dass ich mit dem Auto gekommen war und Disziplin walten lassen musste.

Lasset die Spiele beginnen!

Betont stilvoll sollten wir nach der Begrüßung und Small-Talk starten, Weinmensch Schikfelder ließ sich nicht lumpen und bot als Aperitif mit einem Roederer Brut Collection 242 einen hochklassigen Champagner der ein idealer Vorbote für das an diesem Tag im Glas Gebotene war.

Eine hochkomplexe Cuvée aus Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier mit feiner Perlage und beeindruckender Länge, das machte viel Freude und stimmte perfekt ein.

Zu den folgenden Gerichten ist zu sagen, dass wir uns einen Großteil davon teilten, wir erhielten dazu jeweils vier kleine separate Teller, ansonsten wäre diese Masse kaum zu schaffen gewesen und wir waren trotzdem bedenklich satt und die Federung meines Wagens hatte gefühlt einiges zu tun auf dem Rückweg.

| Gang 1 |

Rote Bete Carpaccio, Gratinierter Ziegenkäse, Rucola, steirische Apfel-Vinaigrette, geröstete Kürbiskerne, Kürbiskernöl

2020 Riesling Feinherb, Schloss Johannisberg, Rheingau

Ein Teller voller Frühling wie ich fand, trotz der winterlichen Bete, die ich wegen ihrer bisweilen erdigen Muffigkeit je nach Zubereitung eher weniger mag.

Hier war jedoch keine Spur davon, das gekonnte Süße-Säure Spiel der Vinaigrette umschmeichelte die Bete und verstand sich vortrefflich mit dem milden Käse und seiner leichten Honigsüße, Rucola brachte senfig-herbe Nussigkeit, eine sehr stimmige, wohlschmeckende, bewährte Kombination in jeder Hinsicht.

| Gang 2 |

Thunfisch Tatar, Teriyaki, Wasabicreme

Ein Tatar vom Blauflossen Thun in bester Sashimi Qualität, dezent gewürzt mit einem Hauch milder Chili-Schärfe und etwas Koriander. Dazu eine köstliche Teriyaki die natürlich eine ideale Begleitung war und etwas milde Wasabicreme, auch hier wieder ein bewährtes Aromenspiel auf einem auch für das Auge beglückenden Niveau. Klasse!

| Gang 3 |

U5er Riesengarnele, Rote-Bete-Linsen-Salat, Chili-Limonen-Crème

Ein üppige Wildfang-Garnele thronte auf einem Bett eines Rote-Bete-Linsen-Salates, adrett flankiert von einer erfrischenden Chili-Limonen-Creme.

Auch hier, wie schon beim ersten Gang, wurde die Erdigkeit von Bete und Linse mit erfrischender Säure gekontert, die sautierte, perfekt gegarte Garnele ließ man geschmacklich für sich sprechen, mit der leichten Süße und Nussigkeit der Spitzenware, die sie verkörperte. Auch dies eine sehr ansprechende, empfehlenswerte Vorspeise.

| Gang 4 |

Carpaccio vom US-Beef, Sellerie, Parmigiano Reggiano stravecchio (36 Monate gereift), Senfkaviar, Jordan Olivenöl, Senfcrème

Mit Senfcrème, Senfkaviar und dem hauchdünnen Staudensellerie eine Variation eines klassischen Carpaccio Cipriani wenn man so will, und was für eine köstliche.

Schaut man sich die Marmorierung des Rinderfilets an und kennt sich ein wenig mit Fleisch aus, kann man schon erahnen welche Qualität von USDA Prime man dort vor sich hatte und das übersetzte sich auch auf den Gaumen.

Ein absoluter Hochgenuss, für den ich sicherlich nochmal nach Essen fahren werde, für mich eines der besten Carpaccios seit langem und ich liebe dieses Gericht sehr, esse es häufig und habe hohe Ansprüche.

| Gang 5 |

Tagliarini „Alba”, Trüffelrahm, Parmigiano Reggiano stravecchio, Sommertrüffel

Frank Schikfelder ärgerte sich über die aktuelle Trüffellieferung, konnte aber am Wochenende auf die Schnelle keinen geeigneten Ersatz organisieren, qualitativ sei dies bei Weitem nicht das, was er seinen Gästen normalerweise bietet.

Aber das sollte dem Genuss keinen großen Abbruch tun, der Teller bot alles, was man von einer guten Trüffel-Pasta erwartet, der kalorisch sündige Trüffelrahm war aromatisch und sorgte mit den perfekt gegarten Spaghetti – Tagliarini sind dünne Bandnudeln, aber das ist Haarspalterei – erneut für einen beglückenden Genussmoment.

Herrlich dazu auch der 36 monatige Parmigiano, der schon auf dem Carpaccio seine Stärken ausspielte: charaktervoll und aufgeladen mit Umami, so wie ein guter gereifter Parmesan zu sein hat.

Das waren erst die Vorspeisen, nun sollte es mit den Hauptgängen weitergehen, das war richtiggehend Arbeit, wenn auch überaus angenehme:

| Gang 6 |

Kabeljau „Finkenwerder Art“, Garnelen, Risotto, grüner Spargel

2020 Riesling trocken, Weingüter Wegeler, Rheingau

Die Scholle in diesem Klassiker der deutschen Fischküche hatte man mit Kabeljau ersetzt, den man gerade in bester Qualität eingekauft hatte und statt Nordseekrabben gab es einen Schwung Garnelen, mir gefiel das Tellerbild durchaus.

Durch das Risotto erhielt der Teller eine eher leichte, mediterrane Konnotation, was der traditionellen Rezeptur gut zu Gesicht stand. Eingefleischte Freunde der „Scholle Finkenwerder Art“, und dazu zähle ich mich auch – dürften hier nicht enttäuscht werden, ich war jedenfalls recht angetan und würde es wieder bestellen.

| Gang 7 |

Irisches Ochsenbäckchen, Kartoffelpüree „Robuchon“, Spitzkohl á la crème, Jus

2020 Héritages, Côtes du Rhône

Auch hier wieder gutbürgerliche Kochkunst auf sehr solidem Niveau. Das geschmorte Bäckchen hätte man löffeln können, die Rotweinjus strotzte vor Kraft und Tiefe, der Rahmspitzkohl wie von der liebevoll kochenden Omma (wir sind im Pott, Omma immer mit zwei „M“, wichtig!) und das Püree eine cremig buttrige Wonne.

Wenn ich auch hauchzart anmerkte, dass es mit einem Püree nach dem berühmten Joël Robuchon, so wie in der Karte vermerkt, eher wenig zu tun hätte. Dieser war bekannt für sein legendäres Püree, das zu gleichen Teilen aus Kartoffeln, Butter und Sahne bestand, ein Löffel davon konnte einen für zwei Tage ernähren.

Die Version der alten Metzgerei war bewusst leichter angelegt, dann muss man es aber auch nicht so nennen und damit Erwartungen wecken wie ich finde.

Der begleitende Rotwein aus der Côtes du Rhône war übrigens eine Wonne dazu, ich bedauerte sehr im Interesse meines Führerscheines nur ein wenig nippen zu können.  

| Gang 8 |

Königsberger Klopse vom Kalb, Kartoffelpüree, Kapernsauce, Rote Bete

Die rote Bete kam separat als kleiner kalter Beilagensalat, diese habe ich vergessen zu fotografieren.

Als ich jedoch vor dem Haus die Hauptdarsteller ablichtete, wurde eine Dame aus dem Viertel, die mit ihrem Sohn unterwegs war ganz wuschig als sie des Weges kamen.

„Nein, sind das etwa die Königsberger Klops, die hatte ich letzte Woche, meine Großeltern kamen aus Ostpreußen, herrlich, haben sie schon probiert, köstlich!“

Ihre Begeisterung war schier nicht zu bremsen, man scheint im Viertel angekommen zu sein wie es scheint.

Auch wenn ich Reis oder Petersilien-Kartoffeln lieber dazu mag, war das schon sehr beglückend, die fluffigen kleinen Kalbsbällchen perfekt gewürzt, die sämige aber nicht im Ansatz pappige, von leichter Kapern-Säure geküsste Sauce ein Traum, ein schönes Stück gepflegte Hausmannskost.

| Gang 9 |

Wiener Schnitzel, Kartoffel-Vogerlsalat, Preiselbeeren

Grüner Veltliner Loess, Weingut Thomas Leithner, Kamptal

Mein persönliches Highlight sollte folgen, das war einfach ein traumhafter Anblick, die Panierung so wunderbar souffliert, wie man es leider selten sieht, was man auch zur klassischen Wiener Garnitur aus Zitrone, Kaper und Sardelle sagen kann.

Das war einfach ein perfekter Teller, der warme Kartoffel-Feldsalat Mix mit dem herausragenden Kürbiskernöl des Hauses ebenfalls ein Hochgenuss, alleine dieses Gericht lohnt die Fahrt nach Rüttenscheid, besser kann man das nicht machen.

Im Glas der Klassiker dazu, ein frischer Grüner Veltliner, die Qualität der ausgesuchten Weine macht durchweg Freude wie anfänglich bereits angedeutet. Auch einen gemischten Wiener Satz hätte ich mir dazu gut vorstellen können.

| Gang 10 |

Zwiebelrostbraten vom Black Angus Rumpsteak, Schmorzwiebeln, Drillinge, Salat

So langsam machte sich Völlegefühl bemerkbar aber wir sind ja gut im Training. Gut so, denn dieser saftige Zwiebelrostbraten hätte in jedem süddeutschen Wirtshaus Stand gehalten. Die süßlichen Zwiebeln dabei geschmort und nicht als Röstzwiebeln ausgeführt, dazu Drillinge aus der Pfanne, ein kräftiger Jus und ein bunt gemischter Beilagensalat. Auch wenn ich mich wiederhole: allerbeste Hausmannskost die Freude macht.

| Gang 11 |

Himbeer-Yuzu-Parfait, Beeren, Schoko-Crunch

Das Dessert sollte den bunten Reigen abschließen und bildete den erhofft leichten Abschluss. Das Parfait handwerklich perfekt, cremig und absolut nicht kristallin, geschmacklich erfrischend, vor allem mit den frischen Blau- und Erdeeren und ihrer Säure.

Nach dem Essen blieb noch genügend Zeit für weitere Fotos und Gespräche, was ein vergnüglicher Nachmittag.

Ich kann dieses Haus wirklich aus ganzem Herzen empfehlen, das ist kreative, weltoffene Wirtshaus-Herzensküche auf einem sehr ansprechenden Niveau und auch Weinfreunde werden voll auf ihre Kosten kommen.

Somit lohnt aus meiner Sicht ein Ausflug nach Rüttenscheid definitiv auch aus den umliegenden Städten, und sei es „nur“ für ein perfektes Wiener Schnitzel mit einem schönen kalten Glas Veltliner in der lauschigen Außengastronomie des Hauses.

An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an Frank Schikfelder und Alicia Wolbeck für die kultivierte  Gastlichkeit und auch und besonders für das Zusenden des Objektivdeckels, den ich vor Ort vergaß, sehr freundlich!

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