Gans, Trüffel, Tradition – und ein Haus mit Seele: Ein Winterabend in der „Wildgans“ in Leichlingen

Es gibt gastronomische Orte, die nicht nur Mahlzeiten servieren, sondern Geschichten erzählen. Geschichten über Herkunft, Handwerk, Mut, manchmal über Zufälle – und vor allem über Menschen, die etwas wagen. Die „Wildgans“ in Leichlingen ist so ein Ort.

Schon wenn man durch den efeuumranken Eingang tritt, unter dem stilisierten Gänse-Signet hindurch, spürt man, dass hier vieles bewusst gedacht, nichts dem Zufall überlassen wurde. Das historische Gebäude – das „Hermann des Wirths Hauß“, mindestens auf 1617 datiert – wirkt nicht wie eine Bühne, sondern wie ein atmender Raum, der seine Geschichte mit jedem Balken und jeder Wand erzählt.

Drinnen dominieren warmes Holz, weiß gekalkte Flächen, sichtbar gelassene Fachwerkstrukturen, moderne Akzente und ein Lichtkonzept, das den Spagat zwischen behaglich und gehoben mühelos schafft.

Der erste Eindruck bleibt nicht bei „schön renoviert“ stehen, sondern vermittelt eine Art kultivierte Wohnlichkeit: Gediegen, klar, ruhig – aber nie einschüchternd edel. Die Stühle sind so bequem, dass man sofort ahnt, wie lange man hier sitzen könnte. Und es passiert selten, dass man beim Betreten eines Lokals das Bedürfnis verspürt, unbewusst langsamer zu gehen. Hier passiert es.

Hunde sind in der Wildgans übrigens ausdrücklich willkommen – man liebt die Vierbeiner hier selbst sehr.

Dabei ist dieses Haus kein zufällig entstandenes Idyll, sondern das Ergebnis einer langen, durchaus fordernden Reise.

Verantwortlich dafür ist Sascha Kielak, ein leidenschaftlicher, weitgereister Gastronom und Koch des Hauses, über 20 Jahre Erfahrung in der Gastronomie in renommierten, internationalen Häusern wie Steigenberger Parkhotel, Interconti, Hyatt, Eckart Witzigmann.

Ein prägendes Umfeld, in dem man lernt, was echte Gastfreundschaft bedeutet, und in dem man versteht, wie fein die Linien zwischen Verlässlichkeit, Präzision und Charme sein müssen, damit Service sich selbstverständlich anfühlt.

Auf seinen Reisen hat er zahlreiche kulinarische Eindrück aus aller Welt – insbesondere dem asiatischen Raum – gesammelt und sich dann entschieden mit der Wildgans „Urlaub mit nach Hause zu bringen“.

Später folgte das Hyatt in Köln und schließlich die Gründung seines Catering-Unternehmens „Wish a Dish“. Ein Konzept, das sich schnell etablierte, nicht zuletzt, weil er keine 08/15-Standardmenüs abliefert, sondern individuell komponierte Abende – oft für Vorstände großer Unternehmen, immer mit Rücksicht auf Budget, Vorlieben, Allergien und Stil. Parallel dazu reifte der Wunsch nach einer eigenen Gastronomie, nach einem Ort, der all das bündelt, was er im Laufe der Jahre gelernt, verfeinert und mit Herzblut angeeignet hat.

Der Zufall wollte es, dass ein Besichtigungstermin in Leichlingen unmittelbar vor einem Familienurlaub in Südtirol stattfand. Der Ort gefiel ihm – aber erst in Sexten, beim Wandern auf einer Hütte mit Blick über die Dolomiten, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Die Wildgans, der Name, das kulinarische Konzept, die Idee einer deutschen Küche mit südtiroler Prägung.

Die Aromen, die Landschaft, die Begegnungen mit lokalen Produzenten – Metzger, Käser, Winzer, Brenner – all das fügte sich zu einem Gesamtbild, das plötzlich klar war.

Das Logo geht sogar auf eine kleine Szene im Urlaub zurück: eine Gans, die mit dem Familienhund einen temperamentvollen Disput austrug. Die Art von Zufall, die man nicht erfindet.

Dass die Eigentümer des Hauses – mit familiärer Verbindung zu „Hermann dem Wirth“ – das Objekt nur an Gastronomen mit Herz, Respekt und Substanz geben wollten, machte die Sache umso passender. Der Zuschlag für Sascha fühlte sich fast wie Bestimmung an. Was folgte, war weniger romantisch: Strom, Leitungen, Denkmalschutz, Brandschutz, unzählige Herausforderungen. Doch wer den Gastraum heute sieht, ahnt nichts von diesen Mühen. Oder vielleicht doch: Man sieht die Liebe, aber nicht die Arbeit dahinter. Ein Qualitätsmerkmal.


Ein Aperitif, der wie ein Prolog wirkt

Bevor das Menü beginnt, landet ein „Lillet Winterschnee“ auf meinem Tisch. Ein Drink, der nicht in die laute Aperitif-Kategorie fällt, sondern subtil erzählt: Birnensaft, Lillet Blanc, etwas Tonic, Zitrone, ein sanfter Hauch Zimtsirup. Kein Drink, der auffallen will.

Eher einer, der Stimmung erzeugt. Winterlich, klar, leicht würzig. Der Zimt ist da, aber nie penetrant. Der Drink hält mich bis in den ersten Gang hinein begleitet – wie ein kleines musikalisches Intro, das die Themen des Abends vorsichtig anreißt.


Das Gänse-Menü – und zwei Ausflüge in die reguläre Karte

Die Wildgans bietet ein saisonales Gänse-Menü an, und ich bin an diesem Abend vor allem dafür gekommen. Doch es wäre nicht die Wildgans, wenn man sich nicht auch zwischendurch zu zwei Klassikern hinreißen ließe, die längst Publikumslieblinge geworden sind: die frischen Tagliarini mit Wintertrüffel und der rheinische Sauerbraten vom Rind.

Beides nicht Teil des Menüs, aber so charakteristisch für die Handschrift des Hauses, dass man sie fast schon als „inoffizielle Zusatzgänge“ betrachten könnte.

Es gibt übrigens auch sehr ernstzunehmende vegane und vegetarische Menü-Alternativen, absolut bemerkenswert.


Vorspeise: Feldsalat, Rauch und ein perfekt gesetzter Einstieg

Der erste Gang zeigt sofort, wie sensibel hier komponiert wird. Ein großzügiges Nest Feldsalat bildet die Basis, durchzogen von gehackten Walnüssen und goldbraun gebräunten Majoran-Croutons aus dem Traditionsbrot des Hauses. Das Brot trägt nicht nur Textur, sondern auch ein Aroma von gerösteten Kräutern, das angenehm aus dem satten Grün heraussticht.

Das Ganze ist mit einer Balsamico-Kernöl-Vinaigrette, die perfekt austariert ist: süßlich-frische Säure, eine dezente nussige Tiefe, ein schöner Glanz. Alles wirkt gleichermaßen leicht und vollmundig.

Daneben liegen dünne Scheiben kaltgeräucherter Gänsebrust. Ein Fleisch, das sofort auffällt: sauber geschnitten, rötlich glänzend, mit einem Aroma, das deutlich rauchig beginnt, aber nicht in Bitterkeit umkippt. Man spürt die Qualität, die Geduld des Räucherns, die Hand, die weiß, wann es genug ist. Die Preiselbeernote wirkt klassisch, aber nicht aufgesetzt, eher ein Verweis darauf, dass dieses Gericht bewusst zwischen Herzhaftigkeit, Frische und dezenter Süße pendeln soll.

Ein eleganter Einstieg, der zeigt, wie viel Feinfühligkeit in dieser Küche steckt – und wie gut sie weiß, wann sie sich zurücknehmen muss.

Wein dazu: Der „Flusskiesel“ Grauer Burgunder von Schäfer

Der Grauburgunder aus der Nahe begleitet dieses Gericht mit Leichtigkeit. Reife Birne, weiße Blüten, eine feine Säure, die das Rauchige der Gans erfasst und mit dem nussigen Dressing verschmilzt. Ein Wein, der nicht protzt, sondern trägt. Genau so sollen Menüweine funktionieren.


Suppe: Waldpilz-Consommé mit Steinpilz-Panzerotti

Die Waldpilz-Consommé wirkt wie ein kleines Konzentrat aus Herbst und Wald. Tiefbraun, glänzend, klar – ein Zeichen echter Reduktion. Der Duft ist so präsent, dass man automatisch langsamer riecht. Noten von Steinpilz, Waldboden, etwas Röstung, typische Umami-Tiefe.

Die Consommé schmeckt kraftvoll, aber nicht schwer. Der Wald steht im Vordergrund, begleitet von einer leichten Nussigkeit. Die Panzerotti sind gut gearbeitet, der Teig fein, die Füllung harmonisch – für meinen Geschmack könnte das Steinpilzaroma der Füllung noch deutlicher hervortreten, aber das ist Klagen auf hohem Niveau. Als Menügang erfüllt die Suppe exakt ihren Zweck: Sie wärmt, erdet, verweigert jegliche Schwere und führt elegant weiter.

Wein: Schloss Johannisberg „Gelblack“ Riesling

Ein Riesling wie aus dem Bilderbuch des Rheingaus: Aprikose, Pfirsich, lebendige Säure, mineralische Frische. Er bringt Helligkeit in diesen herbstlichen Gang und setzt einen klaren Kontrapunkt zur Tiefe der Pilze. Ein bewusst gewähltes Paar, das hervorragend harmoniert.


Einschub: Tagliarini mit Wintertrüffel – Südtirol lässt grüßen

Nach der Suppe folgt ein Gericht, das nicht zum Menü gehört, aber zum Haus: frische Tagliarini in Trüffelvelouté, großzügig mit Wintertrüffel aus Italien belegt. Die Pasta ist ein Musterbeispiel, wie frische Eiernudeln schmecken sollen: leicht bissfest, elastisch, aromatisch.

Die Trüffelvelouté ist cremig, angenehm mild, fein abgeschmeckt. Und der Trüffel? Kein künstliches Aroma, kein Parfum. Stattdessen ein ehrlicher, erdiger Duft, der zeigt, dass man hier Wert auf Qualität legt. Ein einfaches Gericht – aber wie so oft bei Einfachheit: genau das macht es gut.


Hauptgang des Menüs: Gänsekeule – klassisch, aber präzise

Eine Gänsekeule ist ein Prüfstein. Und in der Wildgans wird er mit Souveränität bestanden. Die Haut ist sichtbar knusprig, aber nicht trocken, das Fleisch saftig und aromatisch. Die Jus ist tief und klar, mit genau der richtigen Bindung, nicht klebrig, nicht dünn, sondern elegant konzentriert.

Dazu zwei wohlgeformte Kartoffelklöße, Apfelrotkohl, Maronen. Alles klassisch, alles sorgfältig gearbeitet. Der Rotkohl bietet die notwendige Balance aus Süße und Säure, die Maronen sind weich, nicht mehlig. Eine Keule ohne Brimborium, aber mit Stil.

Diese Art von Küche wirkt leicht, obwohl sie es nicht ist – ein Zeichen echter Erfahrung.

Wein: „Mariana“ Tinto, Herdade do Rocim

Ein strukturierter, dunkelfruchtiger Portugiese, der sich mit der Gans bestens versteht. Brombeere, Kirsche, etwas Schokolade. Warm, weich, aber mit genug Rückgrat, um die Röstaromen der Haut aufzunehmen. Eine kluge Wahl.


Zwischengang: Kalamansi-Sorbet mit Crémant Rosé

Nach der Gans kommt ein Sorbet, das im ersten Moment unscheinbar wirkt, aber die Dramaturgie des Abends perfekt versteht. Kalamansi bringt ihre typisch spitze, leicht herbe Zitrusnote ein, der Crémant ergänzt feinen Schaum und Frische. Ein klarer, sauberer Schnitt zwischen zwei bodenständigen Klassikern. Sehr gelungen.


Rheinischer Sauerbraten vom Rind – und was Balance wirklich bedeutet

Der rheinische Sauerbraten der Wildgans ist kein Teil des Menüs, aber er gehört an diesem Abend unbedingt dazu. Das Fleisch ist butterzart, sauber aufgeschnitten, und man spürt sofort die Marinade: Säure, leichte Gewürznoten, Tiefe. Entscheidend ist die Balance zur Sauce. Sie bringt eine feine Süße mit, aber nie so dominant, dass sie das Gericht verklebt.

Die Spannung zwischen säurebetontem Fleisch und süßer, dunkler Sauce ist selten so gut ausgearbeitet – das Apfelmus verstärkt diesen Effekt. Ein Sauerbraten, der beweist, dass Tradition kein gemütliches „so wie früher“ ist, sondern eine Frage von Präzision.

Vegetarische und vegane Gäste bekommen übrigens eine vollständige Alternative: Seitanbraten mit veganen Serviettenknödeln, sorgfältig angerichtet. Kein Verweisgericht, sondern ein eigenes.

vegane Serviettenknödel

Dessert: Winterliche Nuss-Schnitte mit Schoko-Mousse und Spekulatius-Eis

Der letzte Gang des Menüs ist ein Blick in die winterliche Patisserie: eine Nuss-Schnitte, die aus mehreren Schichten besteht – Boden, Biscuit, cremige Elemente, Mousse. Darüber ein karamellisiertes Nusstopping, in dem neben Wal- und Haselnüssen auch Pistazien zu erkennen sind. Eine schöne Kombination aus Texturen und Aromen.

Das Spekulatius-Eis ist cremig und klar gewürzt, ohne überladen zu wirken. Eine Fruchtsauce, ein paar frische Trauben und winterliche Tupfer ergänzen das Bild. Stimmig, harmonisch, gut gearbeitet.


Die Bar: Espresso Martini & Wildgans-VW

Die Bar zeigt an diesem Abend, dass sie nicht nur ein Nebenprodukt der Küche ist. Der Espresso Martini basiert auf Julius-Meinl-Espresso, sauber extrahiert, kräftig und schokoladig. Der Drink ist gut geschüttelt, mit dichtem Schaum und klaren Aromen.

Der „Wildgans VW“, mit Vermouth, Williamsbirnenbrand und Zitrone, ist eine charmante Kreation – eine Hommage an die Großmutter des Hauses. Frische, Würze, leichte Bitternoten, zarte Frucht – ein Cocktail mit Stil.


Service, Haltung und Preis-Leistung

Der Service ist freundlich, aufmerksam, gut geschult und auf Augenhöhe. Man spürt Erfahrung, Souveränität und ein echtes Interesse am Gast. Die Weinempfehlungen sind solide, die Dramaturgie des Menüs funktioniert, Zusatzgänge werden ohne Irritation eingebaut.

Preislich bewegt sich die Wildgans im leicht gehobenen Segment. Aber angesichts der Qualität der Zutaten, des Ambientes, der Herzlichkeit und der Handarbeit hinter den Kulissen wirkt alles angemessen. Ein Restaurant, das nicht protzt, sondern zeigt, wie ernst es seine Aufgabe nimmt.


Fazit: Ein Ort mit Stil, Herz und Substanz

Die „Wildgans“ ist weit mehr als ein schickes Restaurant im Bergischen Land. Sie ist der Beweis, dass regionale Küche mit Südtiroler Inspiration, internationale Prägung und traditionelles Handwerk eine harmonische Verbindung eingehen können.

Ein Ort, der einlädt, statt zu beeindrucken.
Ein Haus, das Charakter hat.
Eine Küche, die präzise, warm und authentisch ist.

Wer im Bergischen eine Adresse sucht, die gleichermaßen für Genussmenschen, Vegetarier, Veganer, Weinfreunde, Cocktail-Liebhaber und unsere Hundebesitzer geeignet ist, findet hier einen seltenen Fall: ein Lokal, das seine Qualität nicht behauptet – sondern zeigt.

Ein Abend in der Wildgans fühlt sich nicht wie ein Event an, sondern wie ein gutes Kapitel im kulinarischen Leben: reich, stimmig, erzählerisch – und mit Lust auf Wiederkehr.


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