Am Mühlenplatz, mitten im Herzen von Solingen, lädt das Ende 2024 eröffnete Restaurant great dazu ein, Griechenland kulinarisch auf eine neue, authentische, und gleichzeitig moderne Weise zu entdecken.
| schon der Gastraum zeugt von frischem Wind |
Ich war, nach meinem Besuch in der Rohbauphase, nun endlich zu einem ausgiebigen Termin vor Ort und durfte mich nach Herzenslust durch die Karte probieren, was ich mit insgesamt elf Gerichten gerne tat.
Hier im great unterscheidet sich schon das Ambiente wohltuend von dem oft altbackenen Stil traditioneller griechischer Lokale in Deutschland, in denen allzu oft immer noch brachialer Gelsenkirchener Kneipen-Barock den Ton angibt.

Klare Linien, geschmackvolle Dekorationen und dezente Akzente vermitteln ein zeitgemäßes Flair, das dennoch die Wärme und Gastfreundschaft Griechenlands bewahrt.
Taverne 3.0 könnte man meinen, am späten Samstagabend verwandelt sich das Restaurant in einen Club, ein DJ sorgt für Stimmung, man trinkt Cocktails an der gepflegten Bar und hat eine gute Zeit.

Klar, dass dieses Konzept auch jüngere Zielgruppen ansprechen soll, was nach meinem eigenen Erleben auch gut funktioniert.
Dass man es nicht jedem recht machen kann, ist klar. Es ist eine Frage des Geschmacks, nicht jedem gefällt, je nach Betrieb, die Lautstärke oder das Design ganz grundsätzlich.
Aber eine Gruppe junger Ladies Mitte Zwanzig, wird sich vor dem Kinoabend sicher eher hier bei einem Cocktail und einem kleinen Snack wohlfühlen, als beim Grillteller-Griechen (den ich hin und wieder auch gerne mag, bitte nicht falsch verstehen!), alleine schon was die Gerüche der Kleidung nach dem Aufenthalt betrifft.



Apropos Kino und Aufenthalt: wer im great etwas verzehrt, kann bis zu drei Stunden umsonst im Parkhaus der Clemens Galerien parken und kommt somit auch im strömenden Regen trockenen Fußes zum Restaurant- sicher nicht nur für ältere Semester ein nicht zu verachtendes Detail, das zumindest ich sehr schätze.
Betrieben wird das Restaurant vom passionierten Koch George Katsigiannis und seinem Partner und Gastgeber Grigorios Koprenas, die beide über langjährige Küchen- bzw. Gastronomie-Erfahrung verfügen.
| zur Kulinarik und der Degustation |
Die Gastgeber haben sich bewusst entschieden, den bekannten Klischees der griechischen Gastronomie hierzulande zu entkommen. Man überrascht stattdessen mit sensibel modernisierten, oder ganz traditionell verbliebenen regionalen Spezialitäten, und einer Auswahl an Mezze, die als Teil eines Sharing-Konzeptes mit Freunden und Familie am Tisch gemeint sind.

Ein besonderes Mezze-Highlight in Sachen „Modernisierung“ ist zweifellos der subtil geräucherte Fischrogen-Tarama-Salat vom Kabeljau. Ursprünglich stammt der Tarama aus der griechischen Küche, traditionell hergestellt aus gesalzenem Karpfenrogen und geriebenem Brot oder Kartoffeln, verfeinert mit Olivenöl und Zitrone. Die Variante des Hauses interpretiert diese historische Delikatesse neu und elegant mit dem edlen Rogen des Kabeljaus, wodurch eine besonders feine, cremige Konsistenz entsteht.


Ebenso schmackhaft sind die Zucchini-Schafskäsepuffer („Kolokithokeftedes“). Diese delikaten, goldbraun gebackenen Puffer haben ihren Ursprung in der traditionellen Küche Kretas und Santorinis und sind besonders im Sommer beliebt, wenn Zucchini auf der Insel reichlich vorhanden sind. Die Variante des Hauses zeichnet sich durch ihre luftige Konsistenz, eine angenehme Frische und die harmonische Verbindung von mildem Schafskäse und fein geraspelten Zucchin ausi. Serviert mit erfrischendem Joghurt-Melissen-Dip, ergeben die „Kolokithokeftedes“ eine vegetarische Vorspeise, die Appetit auf mehr macht.

Das Jungbullenragout „Kokkinisto“ beeindruckt durch seine zarte Textur und intensive Tomaten-Zimt-Note. Das Gericht findet seinen Ursprung in der griechischen Hausmannskost, in der Fleisch langsam in einer kräftigen Tomatensoße geschmort wird. Die subtile Zugabe von Zimt verweist, wie auch u.v.a. beim Stifado, auf die jahrhundertealte Handelsgeschichte Griechenlands mit dem Orient und verleiht diesem traditionellen Gericht eine überraschende Tiefe. Der moderne Twist hier: die Auberginencreme obenauf, die noch leicht rauchige Noten beisteuerte – köstlich.

Die Schweinehaxe, inspiriert vom klassischen griechischen Gericht „Kotsi Me Lemoni“, ist eine Reminiszenz an bäuerliche Traditionen, bei denen Fleisch lange geschmort wurde, um zart und aromatisch zu werden. Mit frischen Kräutern und einer subtilen Zitrusnote modernisiert die Küche diesen Klassiker auf beeindruckende Weise und präsentiert ihn zugleich authentisch und neu. Das Feigen-Thymian-Chutney, das die Haxe kleidet, war ein Erlebnis und die Textur hätte fast nach einem Löffel verlangt, ganz wunderbar.

Der geräucherte Käse mit Tomatenmarmelade (Räucher Saganaki) zeigt eindrucksvoll, wie Tradition und Kreativität verschmelzen können. „Saganaki“ bezeichnet ursprünglich in der Pfanne gebratene oder frittierte Käsespezialitäten, beliebt als Vorspeise in Tavernen. Die Interpretation mit hocharomatischer Tomatenmarmelade fügt dieser herzhaften Delikatesse zu den kräftig-rauchigen Noten des Käses eine süße und fruchtige Dimension hinzu. Eine perfekte Vorspeise für Käsefans wie mich.

Die langsam gegarte Lammschulter „Arni Kleftiko“ besitzt eine bewegte historische Herkunft. Ursprünglich geht das Gericht auf die „Kleftes“ zurück – griechische Freiheitskämpfer, die ihr Fleisch langsam und versteckt in Erdlöchern garten, um nicht entdeckt zu werden. Heute interpretiert das Restaurant diese kulinarische Tradition auf eher bewährte Art, man bewahrt die Seele und die geschichtliche Tiefe des Gerichts.
Die Kartoffeln und das Gemüse garen unter dem Fleisch, und was dessen austretende Säfte beim Garen mit ihnen anstellen, darf sich jeder in seinen hungrigsten Träumen ausmalen – Hausmannskost auf Griechisch, endlich!

Der Gyrosteller verdient besondere Aufmerksamkeit, da hier eine innovative Methode gewählt wurde: Anders als bei klassischem Gyros, das normalerweise an einem vertikalen Spieß zubereitet wird, wird das hochwertige Fleisch aus der Pfalz zunächst sorgfältig mariniert und geschmort, anschließend dünn aufgeschnitten und schließlich im Ofen knusprig gegart. Diese neue Interpretation sorgt für ein besonders saftiges und gleichzeitig knuspriges Geschmackserlebnis.

Das polarisiert mitunter etwas bei den Spießgyros-Fans wie mir zu Ohren kam, zu denen ich mich auch zähle, da die Textur natürlich eine andere ist, als bei dünn vom Spieß gesäbeltem Gyrosfleisch. Hier sollte die Karte oder der Service ggf, mehr erklären, als das Gericht lediglich „Butcher Gyros“ zu nennen. Ich zumindest konnte mit dem Begriff nichts anfangen. Das Ergebnis an sich ist, rein kulinarisch betrachtet, eine Freude gewesen, auch wenn es mit dem, was viele erwarten, im Detail nur bedingt etwas zu tun hatte.
Nicht zuletzt überzeugt die hauseigene Patisserie mit einer feinen Auswahl an Desserts. Griechenland blickt auf eine jahrtausendealte Tradition der Backkunst zurück, beeinflusst durch die Kulturen Kleinasiens und des Osmanischen Reiches. Typische Zutaten wie Honig, Nüsse und aromatische Gewürze prägen klassische Süßspeisen wie Baklava und Kataifi. In diesem Restaurant verschmelzen traditionelle Rezepturen mit modernen Techniken und kreativen Ideen. Das Ergebnis sind meisterhafte Desserts und Petit Fours, die geschmacklich überzeugen und zugleich die reiche Geschichte der griechischen Süßspeisen-Kultur widerspiegeln.



Besonders hervorheben möchte ich das Engelshaar-Kataifi, das endlich mal nicht absurd übersüßt war und mit Haselnüssen verfeinert wurde.

Ich bin kein großer Dessert-Fan, sondern eher die Käseteller-Fraktion, aber das, wie auch das Haselnuss-Gâteau mit seiner sündigen Cremeux und seiner schieren Reichhaltigkeit und Geschmacksintensität, waren auf einem Niveau, das mich sehr positiv überrascht hat.

Das Gâteau könnte auch in Frankreich bestehen, ohne Wenn und Aber – ein Löffel, und ich war „instant-happy“, wirklich famos!
| Fazit |
Insgesamt bietet das Restaurant, zudem auf einem sehr zivilen Preis-Level, frische Interpretation der griechischen Küche, bei der jedes Gericht seine eigene Geschichte erzählt – ein Genuss nicht nur für Feinschmecker, die griechische Küche und Esskultur abseits der „germanisierten“ Fleischberg-Pommes-Gastronomie suchen, die viele leider immer noch für DIE „traditionelle“ griechische Küche schlechthin halten.
Möge das great also dazu beitragen, die vielerorts immergleiche Fleischplatten-Tristesse farbenfroh zu bereichern – und ich hoffe, Solingen und Umland werden es ihm danken, verdient wäre es aus meiner kulinarischen Sicht allemal.
Restaurant great
Mühlenplatz 1
42651 Solingen
https://www.great-solingen.com/

