Die Geschichte dieses Hauses reicht weit zurück, bis in eine Zeit, in der hier noch Pferde wechselten und Reisende einkehrten, lange bevor das Hotel-Restaurant „Zur Post“ zu dem wurde, was es heute ist: eine feste Größe der gehobenen Gastronomie im Bergischen Land.

Über Generationen gewachsen, von der Familie Wilbrand geprägt und seit vielen Jahren durchgängig mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet, steht das Gourmet-Restaurant heute für eine Küche, die sich durch Präzision, Produktnähe und eine sehr eigene, ruhige Handschrift auszeichnet.


Und dann ist da die Postschänke. Sie ist, wie man es häufig findet, so etwas wie die kleine Schwester dieses Hauses – weniger formell, zugänglicher, im Anspruch jedoch eng verbunden mit dem, was in der „großen“ Post entsteht. Gekocht wird aus derselben Küche, gedacht wird in denselben Kategorien: gute Produkte, sauberes Handwerk, klare Aromen.

Nur der Rahmen ist ein anderer. Kein abendlicher Festakt, keine dramaturgisch gesetzte Menüfolge, sondern ein Mittag oder Abend, der sich auch im Ambiente etwas zugänglicher gibt.


Mit Christopher Wilbrand war ich an diesem Tag verabredet. Ein ruhiger Termin, so viel war geplant. Draußen noch schnell ein paar Aufnahmen bei herrlichem Wetter gemacht – und dabei völlig ungeplant auf Markus Bartha getroffen, der mit den Bergischen Genusstagen seit Jahren eine der spannendsten kulinarischen Reihen der Region organisiert.
Wir kennen und schätzen uns, entsprechend blieb es nicht beim kurzen Gruß und wir saßen gemeinsam am Tisch, was mich freute.

Dort begrüßte uns auch Postschänken-Chef Niko Sellito mit seiner unverstellt herzlichen Art, das gute Wetter schien allen gute Laune zu bereiten.
Ein Blick in die Karte
Das sogenannte Schänkenmenü ist klassisch aufgebaut, fast unspektakulär in seiner Gliederung: Vorspeise, Zwischengang, Hauptgang, Dessert – dazu die Möglichkeit, sich daraus ein drei-, vier- oder fünfgängiges Menü zusammenzustellen. Im Grunde ist es damit auch völlig freies à la carte ohne Menüzwang.
Keine erzählerisch aufgeladene Dramaturgie, keine konzeptionelle Klammer, die sich dem Gast aufdrängt. Stattdessen eine Auswahl, die offen gedacht ist und dem Gast die Richtung überlässt.
Gerade im direkten Vergleich zur „großen“ Post wird dieser Ansatz deutlich. Dort arbeitet man mit einem klar komponierten Degustationsmenü, feiner abgestimmt, dichter geführt, mit jener Präzision und Stringenz, die den Stern begründet.
Die Postschänke dagegen löst diese Strenge bewusst auf, ohne den Kern zu verlieren. Sie übersetzt eine ähnliche Küche in eine Form, die etwas einfacher wirkt – aber nicht beliebig ist.
Inhaltlich zeigt sich dabei sehr klar, aus welcher Küche das Ganze kommt. Neben einer Burrata mit Auberginentatar steht ein Thunfischtatar mit Avocado und Wasabi, im Zwischengang trifft eine aromatisch gedachte Tom Kha Gai auf ein klassisches Onsen-Ei mit Pilzen und Nussbutter.
Spätestens bei den Hauptgängen wird diese Bandbreite greifbar: Coq au Vin vom Kikok-Huhn, Lachs mit Beurre Blanc, Duroc-Schweinebauch „Asia Style“ oder ein bergisches Frischlingsragout, das sich bewusst an der Idee einer Bolognese orientiert.
Das wirkt auf den ersten Blick breit, ist aber in sich stimmig. Denn unabhängig von der stilistischen Anleihe bleibt die Grundlage immer dieselbe: Produkt, Sauce, handwerkliche Präzision.
Auch preislich ist das bemerkenswert klar kalkuliert. Ein Drei-Gang-Menü für 62 Euro, fünf Gänge für 89 Euro, Hauptgerichte um die 34 Euro – das ist, gemessen an Herkunft und Niveau der Küche, mehr als fair und macht den Zugang entsprechend niedrigschwellig.
Zum Einstieg ein Glas Champagner – Deutz Brut Classic.
Für einen Mittag alles andere als selbstverständlich – hier wird nicht klein gedacht, sondern mit einem gewissen Selbstverständnis an Stil herangegangen.
Im Glas zeigt sich der Deutz mit feiner, fast seidiger Perlage, klar und präzise. Aromatisch bewegt er sich zwischen weißen Blüten, reifem Apfel und einem Hauch Zitrus, dazu eine leise, angenehme Brioche- und Toastnote aus der Reife. Er wirkt balanciert, frisch, mit einer gewissen Rundung durch die Pinot-Anteile – zugänglich, aber keineswegs beliebig.
Ein Auftakt, der zeigt: Auch die „kleine Schwester“ darf sich etwas gönnen.
Brot und Amuse
Zum Brot wird eine kleine Auswahl gereicht, präsentiert in einer schlichten Holzbox, die eher an eine feine Brotzeit als an klassische Fine-Dining-Routine erinnert.

Mehrere Sorten stehen bereit – von luftigem, hellen Sauerteig mit schöner Kruste bis hin zu kernigeren Varianten mit spürbarem Biss. Alles frisch aufgebacken, warm genug, um die Aromen zu tragen, ohne sie zu überdecken. Man greift zu, probiert, wechselt – so, wie Brot gedacht ist.

Dazu ein Kräuterquark, der erstaunlich viel Aufmerksamkeit verdient. Cremig, sauber abgeschmeckt, mit frischem Schnittlauch, der nicht nur dekoriert, sondern wirklich trägt. Leicht säuerlich, angenehm frisch, mit der richtigen Balance und vollmundigem Geschmack, um sowohl die milderen als auch die kräftigeren Brote zu begleiten.
Das bald gereichte Amuse-Bouche im Glas ist fein gearbeitet und klar strukturiert.

Mehrere Schichten: Räucherforellenmousse, Meerrettichschaum, Linsensalat und Arareperlen greifen sauber ineinander – unten cremig und mild, darüber eine würzige, leicht erdige Note, nach oben hin wieder luftiger, begleitet von knusprigen Elementen, die Struktur und Spannung geben. Die Texturen sitzen präzise, nichts wirkt zufällig.

In der Anmutung sehr frühlingshaft: frisch, leicht, mit einer angenehmen Selbstverständlichkeit. Ein ruhiger, aber sehr sauber gesetzter Auftakt.
Thunfischtatar | Gurke | Avocado | Wasabi | Kräutersalat
Sauber geschnitten, von sehr ordentlicher Qualität und vor allem präzise abgeschmeckt – nichts wirkt hier flach oder beliebig, wie man es bei diesem Klassiker leider oft erlebt. Stattdessen hat das Tatar Spannung, eine angenehme Tiefe und eine klare aromatische Linie.

Die leichte Asia-Essenz bringt Frische und eine feine, zitrisch-salzige Note ins Spiel, die den Fisch trägt, ohne ihn zu überlagern.
Die Avocado setzt mit ihrer cremigen Textur einen ruhigen Gegenpol, die Gurke sorgt für Frische und Saftigkeit, während der Kräutersalat dem Ganzen eine lebendige, fast frühlingshafte Leichtigkeit gibt. Der knusprige Buchweizenchip fügt nicht nur optisch eine Höhe hinzu, sondern liefert den passenden Biss, um die weichen Komponenten zu erden.
Ein Gericht, das nicht überladen ist, sondern durch saubere Abstimmung überzeugt – klar gedacht, handwerklich sicher, mit spürbarer Sorgfalt umgesetzt und hochgradig köstlich.
Burrata | Auberginentatar | Cocobohnen | Rucola
Die Burrata, die an diesem Tisch gegenüber serviert wurde, zeigt sich optisch und handwerklich auf einem sehr ansprechenden Niveau.

Im Zentrum eine sauber gearbeitete, cremig fließende Burrata, die eine jene milde, milchige Fülle mitbringt, die als ruhender Pol dient. Darunter ein Auberginenragout, das ich probieren konnte – aromatisch dicht, warm gewürzt und mit einer leichten Shakshuka-Anmutung: fein geschmort, leicht tomatig, mit angenehmer Tiefe und sehr stimmig abgeschmeckt.
Rucola bringt Frische und eine leicht senfige Bitterkeit, während Cocobohnen und Nüsse Struktur und Akzente liefern. Die Saucenelemente setzen süßlich-säuerliche Punkte und führen das Gericht geschmacklich zusammen.
Dazu zwei identische, fein gearbeitete Chips für etwas Knusper – so entsteht eine Komposition, die in sich ruhig wirkt, aber über Textur und Würzung genügend Spannung aufbaut.
Tom Kha Gai | Black Tiger Garnele
Eine Tom Kha Gai, die vor allem eines zeigt: solides Handwerk und ein sehr sicheres Gespür für die richtige Abschmeckung. Die Brühe ist rund und klar strukturiert, mit sauber ausbalancierter Säure, feiner Kokosnote und der richtigen aromatischen Tiefe – nichts überzeichnet, nichts beliebig.

Das Huhn zart und in der Menge stimmig eingebunden, die Einlagen präzise gegart, alles wirkt durchdacht und ruhig ausgeführt. Die kleine Black Tiger Garnele daneben fügt sich nahtlos ein: saftig, punktgenau gegart, mit einer köstlichen, leicht asiatischen Würzung – einfach sehr gut gemacht.

Ein Gang, der nicht über optische Inszenierung kommt, sondern über handwerkliche Sicherheit und ein tiefes Verständnis dafür, wie solche Aromen wirklich zusammenfinden.
Onsen-Ei | Buchenpilze | Sauerteigcroutons | Nussbutterschaum
Ein Gang, der ganz auf Textur und füllige Tiefe setzt und darin überzeugt. Das Onsen-Ei perfekt getroffen, das Eigelb weich fließend, das Eiweiß zart gebunden, sodass sich beim Öffnen alles langsam mit den übrigen Komponenten verbindet.

Darunter erdige Buchenpilze, sauber gegart, mit angenehmem Biss und eine wunderbare Kombination mit dem Ei. Die Sauerteigcroutons bringen Struktur und ein leicht röstiges Gegengewicht, während der Nussbutterschaum das Ganze zusammenführt: warm, aromatisch, mit feiner Tiefe.
Der frisch gehobelte Trüffel bester Qualität setzt darüber hinaus nicht nur einen wohligen Duftakzent, sondern fügt sich geschmacklich äußerst bereichernd in das Gesamtbild ein.
Bergisches Frischlingsragout „Bolognese“ | Paccheri | getr. Tomaten | Oliven | Shiitake Pilze | Pecorino
Ein kräftig angelegter Teller, den ich selbst nicht probiert, sondern nur fotografiert habe. Die Kombination lässt jedoch auf Tiefe und reichlich Umami schließen: Frischlingsragout, getrocknete Tomaten, Oliven und Shiitake bringen von Natur aus aromatische Dichte mit.

Die Paccheri sorgen für Substanz, der Pecorino dürfte das Ganze zusätzlich abrunden. Ein Gericht, das klar auf klassischen Geschmack gebaut ist und ganz sicher glücklich macht.
Färöer Lachsfilet auf der Haut gebraten | Beurre Blanc | Feldspinat | Tomatenkompott | Kräutergnocchi
Der Lachs war schlichtweg perfekt gegart: auf der Haut knusprig gebraten, darunter saftig und mit leicht glasigem Kern, der Qualität und Präzision sofort erkennen lässt. Ein Produkt, das mit Ruhe und Selbstverständlichkeit präsentiert wird.

Die Beurre Blanc zeigt sich klassisch angelegt, fein aufgeschäumt und mit schöner Balance aus Butterfülle und frischer Säure. Sie umschmeichelt den Fisch, ohne ihn zu überdecken, und gibt dem Teller eine elegante Tiefe.

Der erste Spargel in diesem Jahr, Feldspinat und das leicht fruchtige Tomatenkompott setzen dezente Akzente, bringen Frische und einen feinen Kontrast zur buttrigen Sauce.
Besonders bemerkenswert bleiben die Kräutergnocchi: ungewöhnlich luftig, aromatisch und alles andere als die oft befürchtete Schwere – hier leicht, präzise und perfekt eingebunden.
Ein wunderbarer Fisch-Gang, getragen von solidem Handwerk und abermals einem ausgeprägten Gefühl für richtige Kombinationen.
Duroc-Schweinebauch „Asia Style“
Kimchi | Möhrenpüree | Erdnuss | Glasnudelsalat

Ein Gericht, dass ich hier bereits in der Vergangenheit genießen durfte, das aber kleine Anpassungen erfahren hat und mir als kleine Menüportion serviert wurde.
Schon beim Ansetzen ein herrlicher Duft, der sofort Substanz signalisiert. Der lange sanft sous vide gegarte Duroc-Schweinebauch selbst in bestechender Form: innen saftig und zart, oben mit jener präzisen Knusprigkeit, die man so nur selten wirklich konsequent hinbekommt.
Der Lack wirkt weniger wie bloße Glasur, sondern eher wie ein konzentrierter, umami-getragener Jus mit asiatischer Prägung – dicht, aromatisch, dabei nie aufdringlich. Die leicht geschäumte Erdnuss bringt eine warme, fast beruhigende Cremigkeit ins Spiel, während das Möhrenpüree mit seiner feinen Süße eher begleitet als sich aufzudrängen.
Das Kimchi setzt dazu einen klaren, lebendigen Akzent: leichte Fermentation, zurückhaltende Schärfe, so dosiert, dass es wach macht, ohne das Gericht zu dominieren. Besonders gelungen sind die knusprigen Guanciale-Brösel – sie liefern diese salzige, krosse Spitze, die man nicht erwartet, die aber sofort Sinn ergibt und dem Ganzen zusätzlichen Zug gibt.
Der Glasnudelsalat wirkt dabei fast wie ein kurzer Perspektivwechsel: kühl, leicht süß-säuerlich, mit angenehmem Biss – ein bewusster Gegenentwurf zu den getragenen, satten Aromen auf dem Teller.

Ein Gericht, dass einfach nur Spaß macht und mit seiner Aromenfülle begeistert.
Ein Klassiker, der hier immer geht: Rumpsteak mit Barolo-Jus
Markus entschied sich derweil für ein klassisches Rumpsteak mit Barolo-Jus, Bratkartoffeln und Gemüse, gekrönt von einer hausgemachten Café-de-Paris-Butter.

Vom Fleisch selbst habe ich nicht probiert, aber das Gesamtbild war stimmig: kräftig gebraten, sauberer Garpunkt – so, wie man es sich bei einem solchen Teller wünscht.

Was ich hingegen auf dem Löffel hatte, überzeugte unmittelbar. Der Barolo-Jus zeigt Substanz und eine klare, konzentrierte Aromatik bei perfekter Konsistenz. Die Bratkartoffeln mit schönen Röstaromen, angenehm knusprig und dabei nicht fettig – handwerklich sehr sauber und geschmacklich eine Wonne.

Besonders präsent blieb mir jedoch die Café-de-Paris-Butter: würzig, vielschichtig, mit dieser leicht pikanten, kräutergetragenen Note, die sich langsam entfaltet und sofort Lust auf den nächsten Bissen macht. Eine Art von Detail, die einen klassischen Teller erst wirklich in Erinnerung hält.
Valrhona Schokoladenauflauf | Vanilleparfait | Pistazieneis | Ananas
Serviert und annonciert von Henrik Jessen, einem angenehm unaufgeregten, sehr sympathischen Auszubildenden im dritten Lehrjahr, kommt das Dessert als bewusst vielschichtiger Teller daher – fast wie ein frühlingshafter kleiner Garten.
Der Schokoladenauflauf ein klassischer „Glücklichmacher“ – warm, üppig, mit fließendem Kern. Das Vanilleparfait setzt einen kühlen Gegenpol, das Pistazieneis bringt eine klare, nussige Note ein.

Das Himbeercoulis steuert Frische und Säure bei, Schokoladenganache und Vanillecreme geben zusätzliche Fülle. Das Erdbeerbaiser wirkt leicht und luftig, während Pistaziensand und kleine Knusper für Struktur sorgen.

Ein Teller, auf dem optisch und geschmacklich viel passiert, ohne unruhig zu wirken: ein Spiel aus Temperatur und Textur, das sich beim Essen angenehm entfaltet.

Damit schließt ein ausgiebiges Mittagessen, das sich über mehrere Gänge hinweg ruhig entwickelt hat und dabei durchgehend Substanz zeigt – ohne Hast, ohne Brüche, sondern mit einer angenehmen Selbstverständlichkeit.
Fazit
Was geboten wird, ist auch hier eine exzellente Küche, die nicht über wohlfeile Inszenierung funktioniert, sondern über Präzision, Substanz und ein klares Verständnis für Produkte und Zusammenstellungen.
Die Gerichte wirken durchdacht, ohne konstruiert zu sein, und behalten bei aller Raffinesse eine angenehme Zugänglichkeit. Gerade die Mischung aus klassischen Ankern und modernen, teils asiatisch inspirierten Akzenten macht den Reiz aus, ohne beliebig zu wirken.
Im Service führte Niko souverän durch den Mittag, aufmerksam, präsent und mit sicherem Gespür für Timing. Unterstützt wurde er von einer sehr freundlichen jungen Dame, die die Gäste ebenso professionell wie herzlich umsorgte.
Mit Henrik Jessen zeigt sich zudem, dass auch im Nachwuchs mit Ruhe und Übersicht gearbeitet wird – ein Detail, das mehr über ein Haus sagt, als man zunächst vermuten würde.
Und hier schließt sich auch der Bogen zur eingangs erwähnten „kleinen Schwester“: Die Postschänke kocht sichtbar nah am Niveau des Sterne-Restaurants, übersetzt in eine offenere, auch finanziell alltagstauglichere Handschrift.
Angesichts von Produktqualität, handwerklichem Aufwand und der durchweg sauberen Umsetzung ergibt sich daraus ein Preis-Leistungs-Verhältnis, das in dieser Form selten ist.
Eine uneingeschränkte Empfehlung.
Postschänke Odenthal
Altenberger-Dom-Straße 23
51519 Odenthal




